Komplexdiagnose
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Definition: Komplexe sind neuro-psychische Inhalte, Schemata, Erlebens- und Verhaltensmuster, neuronale Verschaltungen, die aufgrund ihrer emotional-energetischen Ladung Abweichungen und Störungen in der »normalen« Bewusstseinskontinuität hervorrufen. Bei einer stärkeren Komplexwirkung ist die betreffende Person ist ürzere oder längere Zeit nicht in der Lage, ihre Gedanken, Gefühle, Fantasien und Verhaltensweisen in gewohnter Weise frei ablaufen zu lassen.
Komplexe können alle Grade negativer wie positiver emotionaler Aufladung und Wirkung haben. Manche Komplexreaktionen verschieben Stimmungs- und Interessenlage nur in geringem Ausmaße, andere führen zu intensiven Spontanreaktionen und noch andere wirken so stark, dass der Eindruck entsteht, dass jegliche Kontrolle und Besinnung verloren geht bis hin zu dem Eindruck, sich selbst fremd zu sein. Die Komplexe erscheinen dann wie autonome, dissoziierte Teilpersönlichkeiten.
"Komplexe sind daher in diesem Sinne geradezu Brenn- oder Knotenpunkte des seelischen Lebens, die man gar nicht missen möchte, ja, die gar nicht fehlen dürfen, weil sonst die seelische Aktivität zu einem fatalen Stillstand käme. Aber sie bezeichnen das Unerledigte im Individuum, den Ort, wo es zum mindesten vorderhand eine Niederlage erlitten, wo es etwas nicht verwinden oder überwinden kann, also unzweifelhaft die schwache Stelle in jeglicher Bedeutung des Wortes." (Jung, GW 06, § 925)
Zunächst mag es von daher scheinen, dass die Komplexe hauptsächlich pathogene Faktoren sind, weil ihre Wirksamkeit häufig in unangenehmen Zusammenhängen bzw. Fehlleistungen (> Fehlleistung), Missgeschicken, Unfällen, Trieb- und Affektdurchbrüchen, psychosomatischen Reaktionen und psychischen Symptomen erfahren wird. Aber es gibt auch positiv aufgeladene Komplexe, die wenn sie ausgelöst werden, Zuwendung, Freude oder auch Ekstase auslösen (denken wir an die starken Reaktion beim gelungenen Torschuss beim Fußball.)
Information: Da jedes affektgeladene positive oder negative Ereignis zu einem Komplex werden kann, z. B. durch Wiederholung und Verstärkungen, ist es schwierig, eine allgemeine Systematik der Komplexe zu geben. Eine differenzialdiagnostische Differenzierung (> Diagnostik) nach folgenden Kriterien kann aber eine erste Orientierung vermitteln.
Komplexebenen
Folgende drei Ebenen von Komplexen können unterschieden werden:
- Individuelle Komplexe, die der individuellen Lebens- und Lerngeschichte entstammen
- Soziokulturelle Komplexe, die für die Gruppe, Gesellschaft und Kultur, in der man lebt, charakteristisch sind und durch den Sozialisationsprozess vermittelt werden
- Kollektive Komplexe, bzw. Komplexbereitschaften, die evolutionär entstanden sind und vielen Menschen gemeinsam sind. Die AP bezeichnet die letzteren auch als Archetypen.
Entsprechend dieser Ebenen ordnen sich die einzelnen individuellen Teilkomplexe zu größeren Komplexverbänden, welche sich wiederum um einige Zentralkomplexe archetypischer Art gruppieren, die in etwa den Grundfunktionen, Grundbedürfnissen, Grundkonflikten und Grundängsten des Menschen entsprechen dürften.
Komplexgruppen
Darüber können Komplexe in Themengruppen zusammenfasst werden:
Personale Komplexe, das sind Komplexe, die sich auf die eigene Person beziehen, z. B.:
- Komplexe, die sich auf die Identität und das Selbstwerterleben beziehen, wie der Minderwertigkeits- und Größenkomplex, Macht- und Ohnmachtskomplex, Dominanz- und Unterwerfungskomplex
- Komplexe, die sich auf das eigene Aussehen und spezielle Körpermerkmale beziehen: etwa Schönheit, Hässlichkeit, Nase, Busen, Penis
- Komplexe, die sich auf die eigenen Grundbedürfnisse beziehen: Essen, Trinken, Schlafen, Sexualität, Geld
- Komplexe, die sich auf existenzielle Situationen beziehen: etwa Krankheit, Älterwerden, Einsamkeit, Sinn, Tod
- Komplexe, die besondere Interessen und Begabungen beinhalten: Kunst, Mode, Technik, Sport
- Komplexe, die sich auf Persönlichkeits-Aspekte der Individuation beziehen: Persona-, Schatten-, Anima/Animus-Komplex
Beziehungskomplexe, also Komplexe, die sich auf Menschen und Tiere und die positiven/negativen Konstellationen mit ihnen beziehen wie z. B.
- der Ödipus-Komplex, Mutterkomplex, Vaterkomplex, Elternkomplex
- Bruder/Schwester/Geschwisterkomplex
- Familienkomplex, Gruppenkomplex
- Autoritätskomplex
- Rivalitätskomplex
- Trennungskomplex
- Komplex des Ausgeschlossenwerdens, des Übergangenwerdens
- Hundekomplex, Spinnenkomplex, Schlangenkomplex
Objektkomplexe, d. h. Komplexe, die sich auf Erfahrungen mit der Umwelt beziehen: Höhenkomplex, Platzkomplex, Flugkomplex u. a.
Weitere Differenzerungen sind möglich, z. B.
Komplexe und vorherrschende Emtotionen: die Bezeichnung eines Komplexes nach der vorherrschenden Emotion, die das Erscheinungsbild dominiert, also z. B. Angstkomplex, Eifersuchtskomplex, Neidkomplex, Schamkomplex, Schuldkomplex. Dies ist oft aber nicht präzis und differenzierend genug, da sich alle Komplexe definitionsgemäß durcheine spezielle emotionale Aufladung auszeichnen. Auch wenn eine Emotion dominiert und generalisiert ist, sollte man sich bemühen, den dahinterstehenden Grundkonflikt und die auslösende Situation herauszufinden.
Komplex und Konflikte: Schließlich kann man den im Komplex enthaltenen Konflikt näher kennzeichnen, denn mit den stärkeren Komplexen sind meist stärkere Konflikte verbunden (z. B. Annäherung – Vermeidung, Nähe/Symbiose – Distanz/Autonomie, egoistische versus soziale Tenden- zen).
Komplexe lassen sich weiterhin nach positiv oder negativ, nach fest oder dynamisch, nach ursprünglich oder aktuell und nach ihrem Ausprägungsgrad (leicht, mittel, schwer) differenzieren. Auch lassen sich die interpersonellen Auswirkungen, die ein Komplex hat, be- schreiben, beispielsweise ob er eine lähmende oder begeisternde infizierende Wirkung auf andere hat, ob Teile des Komplexes »kollusiv« (vgl. Heisig, 1999,Kast, 1990) von anderen Menschen übernommen werden oder welche kompensatorischen Reaktionen entstehen, um dieeinseitige Wirkung des Komplexes auszugleichen.
Komplexe und Schemata
Die zentralen positiven wie negativen Komplexfelder sind die Hauptthemen jeder Form von Psychotherapie. Komplexe sind die "wunden" Punkte, mit denen Menschen ihre Konflikte und Probleme haben und die auf unterschiedliche Weise bearbeitet werden. In der Kognitiven Verhaltenstherapie werden die mit den Komplexen verbundenen problematischen Verhaltensweisen und Denkprozesse in den Mittelpunkt gestellt, während es in den psychodynamischen Richtungen zunächst mehr um ein Bewusstmachen bislang möglicherweise wenig wahrgenommener und abgewehrter Komplexe in ihrem emotionalen und genetischen Zusammenhang geht und erst im zweiten Schritt um deren Modifikation und Integration.
Die »Schema-Therapie« verbindet Methoden der kognitiv-verhaltenstherapeutischen Therapieformen mit Elementen anderer etablierter psychologischer Theorien und Therapieverfahren. Sie geht – auch in Anlehnung an das Schema-Konzept von J. Piaget – davon aus, dass es bestimmte erlernte Grundmuster gibt, die darauf abzielen, die zentralen Bedürfnisse zu befriedigen und hierzu das Verhalten und die Kognitionen von Menschensteuern. Bei maladaptiven Schemata handelt es sich um »ein weitgestrecktes, umfassendes Thema oder Muster, das aus Erinnerungen, Emotionen, Kognitionen und Körperempfindungen besteht, die sich auf den Betreffenden selbst und seine Kontakte zu anderen Menschen beziehen. Es ist ein Muster, das in der Kindheit oder Adoleszenz entstanden ist, im Laufe des weiteren Lebens stärker ausgeprägt wurde und stark dysfunktional ist. (Young, 2005, S. 36)
Zu den Schemata werden beispielsweise gezählgt:
- Verlassenheit/Instabilität: Überzeugung, dass wichtige Beziehungen nicht halten werden, verbunden mit der ständigen Angst, von anderen verlassen oder im Stich gelassen zu werden.
- Misstrauen/Missbrauch: Ständiges "Auf-der-Hut-sein"; Befürchtung, von anderen absichtlich verletzt oder missbraucht zu werden.
- Emotionale Entbehrung: Davon sind Menschen betroffen, die die meiste Zeit ihres Lebens oder in der Kindheit niemanden hatten, der sich in ihre wahren Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse eingefühlt und sich mit echtem Interesse um sie gekümmert hat.
- Unzulänglichkeit/Scham: Die Überzeugung, es niemals wert zu sein, von anderen Liebe, Aufmerksamkeit oder Respekt entgegengebracht zu bekommen, egal wie sehr man sich bemüht.
- Soziale Isolierung/Entfremdung: Das Gefühl, in keine Gruppe hineinzupassen und keine Verbindung zu anderen Menschen herstellen zu können.
- Abhängigkeit/Dependenz: Das Gefühl der Hilflosigkeit; sich nicht imstande sehen, ohne Hilfe anderer Entscheidungen zu treffen oder Dinge anzugehen.
- Anfälligkeit für Schädigungen oder Krankheiten: Überzeugung, sich dauernd vor beängstigenden Schädigungen (z.B. durch Naturkatastrophen, Unfälle, Krankheiten, bestimmte Keime etc.) schützen zu müssen bzw. diesen ausgeliefert zu sein.
- Verstrickung/Unterentwickeltes Selbst: Schwaches Gefühl für die eigene Identität; das Bedürfnis, sich sehr oft mit anderen Menschen zu "verstricken" oder sich an sie hängen, um sich vollständig zu fühlen.
- Versagen: Die Überzeugung, niemals Erfolg haben zu werden und weniger begabt/talentiert/klug als nahezu alle anderen Menschen zu sein.
- Anspruchshaltung/Grandiosität: Beschreibt die Überzeugung, dass Regeln und Konventionen, die für andere Menschen gelten, für einen selbst nicht relevant sind.
- Unzureichende Selbstkontrolle: Betrifft Menschen, die wenig Selbstdisziplin und Frustrationstoleranz haben, begonnene Aufgaben nicht fertig stellen können und rasch aufgeben.
- Unterwerfung: Beschreibt Menschen, welche in Beziehungen den anderen stets die Oberhand lassen und welchen es sehr wichtig ist, zu gefallen, um nicht zurückgewiesen zu werden.
- Selbstaufopferung: Überzeugung, stets für andere da sein zu müssen, sich intensiv um sie zu kümmern und eigene Bedürfnisse hinten an zu stellen. Entwicklung von Schuldgefühlen, wenn eigene Bedürfnisse wahrgenommen werden.
- Streben nach Zustimmung und Anerkennung: Beschreibt Menschen, denen es äußerst wichtig ist, bei anderen einen guten Eindruck zu hinterlassen; äußere Erscheinung und sozialer Status sind wichtige Eckpfeiler.
Wie aus dieser Aufstellung deutlich wird, lassen sich die in der Schema-Therapie formulierten Grundbedürfnisse und Grundkonflikte mühelos mit den bereits beschriebenen Konzepten, Grundbedürfnissen, Komplexen, Konflikten der psychodynamischen Therapien und der AP in Verbindung bringen (allerdings fehlen die positiv aufgeladenen Komplexe, die ja starke Motivationsquellen sein können), was ein weiteres Beispiel dafür ist, wie fruchtbar eine psychologische Theorie ist, die auf allgemein-menschlichen Grundlagen beruht.
Literatur: Dieckmann, H. (1991): Komplexe; Kast, V. (1980): Das Assoziationsexperiment in der therapeutischen Praxis; Meier, Isabelle: Komplexe und Dissoziationen: Weiterentwicklung von Theorie und Praxis der Analytischen Psychologie (2017); Meier, I. (2019). Über unerfüllte Bedürfnisse und gefühlsbetone Komplexe. Ein Vergleich mit den Schemata der Schematherapie. Anal Psychol 192, 2 (50), 364-381. Meier, I. (2023). Core Psychological Needs and the Complex Theory of C.G. Jung. Int. Journal of Psychotherapy, 27, 1. 15-28; Müller, A., Müller, L. (2018): Praxis der Analytischen Psychologie. Ein Lehrbuch für eine integrative Psychotherapie; Kast, V. (1990): Die Dynamik der Symbole; Kast, V. (1994): Vater-Töchter Mutter-Söhne; Ribi, A. (1989): Was tun mit unseren Komplexen? Young, J. E., Klosko, J. S., Weishaar, M. E. (2005): Schematherapie: ein praxisorientiertes Handbuch.
Autor: L. Müller